Der Herr auf diesem Bild ist der Kunstphilosoph Christoph Schwarz. Seine Installationen und Performances gehören zu den modernen Kunstwerken, die einen intuitiv daran erinnern, dass man ein Teil des 21. Jahrhunderts ist (ich erwähne nur den Kontingenzaltar, neben anderen Projekten zu finden auf Schwarz’ Homepage marcus.at).
Sein neuestes Projekt heißt Spamming Back! (-> Flyer (pdf), 20.-24. November in Wien). Das funktioniert so:
Das Projekt ist auch deshalb so interessant, weil Christoph Schwarz damit eine Ästhetik des Spams begründet. Haben wir Spam bisher als Zahlen ("Heute schon wieder 200 Stück"), Emotionen ("Wie das nervt!") oder Kommerz ("Geil, billiges Viagra!") wahrgenommen, so sensibilisiert uns “Spamming Back” für die ästhetische Dimension des Spams: Flächen, Farben, Muster, Lyrizität - all das wird auf den Grundlagen kultureller Kontexte zu den Eckpfeilern einer neuen, intentionslosen Kunstform, die aus sich selbst entstanden ist. Es bedurfte eines postmodern konsequenten Künstlers wie Christoph Schwarz, um diese Künstlichkeit der Virtualität zu entreißen und ihr ein reales Gesicht zu verleihen.
Die schwarzsche Spam-Ästhetik: beispielhafte Analyse einer russischen Spam-Mail
Betrachten wir unter den bisher geäußerten Gesichtspunkten diese russische Spam-Mail und ihre intertextuellen Bezüge genauer (Text und Übersetzung weiter unten).
Sie besteht aus großflächigem Einsatz der Farben Rot und Gelb; dies erzeugt maximale Aufmerksamkeit bei pragmatisch wenig zu verschickenden Pixelgrafiken (nämlich keinen). Subtil hat der Spammer hier die Farben der spanischen Flagge benutzt, um ein zutiefst russisches Anliegen zu behandeln: die Befreiung von der Wehrpflicht. Man muss dazu wissen: Der 2-jährige Wehrdienst in Russland ist außerordentlich unerfreulich und führt u.U. schon nach 6 Monaten in Kriegsgebiete. Wer sich drücken will, versucht sich mit hohen Schmiergeldzahlunge freizukaufen oder einen (noch unüblichen und ebenfalls unerfreulichen) Ersatzdienst zu leisten.
Viele arme Seelen vertrauen sich als letzten Ausweg dubiosen Anwälten an, die ihnen versprechen, sie unkompliziert und auf gesetzlichem Wege vom Wehrdienst zu befreien. Es ist davon auszugehen, dass die Anwälte dabei viel verdienen, der Ausgang der Angelegenheit jedoch in den seltensten Fällen erfolgreich ist. Wie auch immer: Sobald man sich gesetzlich gegen die Wehrpflicht auflehnt, beginnt man einen Kampf gegen Windmühlen, gleich dem Don Quijote, dessen Vaterland - Spanien ist!
In tröstlichem Tone werden dem Gespammten viele Windmühlengegenmittel aufgezeigt, die fette, behäbige Verdana-Type im Inhaltsteil suggeriert Ruhe und Verlässlichkeit, während das aufpeitschende Gelb Feuer (fuego) und Dringlichkeit vermittelt. Nüchtern und vertrauenserweckend-seriös unten dann die Kontaktdaten und der nur schwer ins Deutsch zu übersetzende Claim (wörtlich: “Arbeit bis zum positiven Ergebnis!"), der kompetenzbefeuerte Einsatzbereitschaft transportiert.
Wie man sieht, ist diese Spam-Mail ein Highlight der Ausstellung Spamming Back!. Wer also vom 20.-24. November in Wien weilt, sollte sich das tatsächlich nicht entgehen lassen.
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Eingetragen: 15.11.2007, 22:40 in Edel-Spam Bemerkenswert
Permalink; 558



“Bemerkenswert"-das ist das richtige Wort, die richtige Kennzeichnung für das, was dieser Kunstphilosoph geschafft hat! Ich stehe mit großem Staunen und Respekt vor dieser Sache-ganz große Klasse!
Geschrieben von holdy am 18.11.2007, 20:03