Der Spamschlucker

Ein Mann.
Eine Mailbox.
Eine Herausforderung.

Spam-Statistik (Stand: 10.02.2012, 22:30 Uhr)

  letzte 24 Stunden 2012 seit 01/2007
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Spamming Back!

imageDer Herr auf diesem Bild ist der Kunstphilosoph Christoph Schwarz. Seine Installationen und Performances gehören zu den modernen Kunstwerken, die einen intuitiv daran erinnern, dass man ein Teil des 21. Jahrhunderts ist (ich erwähne nur den Kontingenzaltar, neben anderen Projekten zu finden auf Schwarz’ Homepage marcus.at).

Sein neuestes Projekt heißt Spamming Back! (-> Flyer (pdf), 20.-24. November in Wien). Das funktioniert so:

Ich habe über einen längeren Zeitraum Spammails gesammelt, die ich gut fand. Ausschlaggebendes Kriterium war für mich die lyrische Komponente, die Sprache des Mails, sowie die graphische Aufmachung. Die schönsten habe ich vom Layout nachgebaut, für die Belichtung auf 45x30 Fotoprints optimiert, und auf Alu aufgezogen. Wenn nun jemand ein Bild kauft, macht er mit mir ein Polaroidfoto, und ich schicke dieses als Mail in einer Performance gleich zurück an den/die SpammerIn, mit einem Text, der in der gleichen Rhetorik Vorschläge für eine Geschäftsbeziehung, Versprechungen auf einen Gewinn macht. Mir ist es wichtig, dass die Leute, die Spamprints bei mir kaufen, auch das dazugehörige Email samt Foto bekommen, und sich sozusagen auch einen Teil der Performance kaufen.

imageAus wertlosen Spam-Mails, die “nicht einmal den Strom wert [sind], den ein Bildschirm für [... ihre] Darstellung verbraucht”, werden durch Transkodierung Kunstwerke. Das entspricht ungefähr dem Vorgehen des Italieners Gianni Motti, der aus dem abgesaugten Fett Berlusconis ein Stück Seife erstellt hat.

Das Projekt ist auch deshalb so interessant, weil Christoph Schwarz damit eine Ästhetik des Spams begründet. Haben wir Spam bisher als Zahlen (“Heute schon wieder 200 Stück”), Emotionen (“Wie das nervt!”) oder Kommerz (“Geil, billiges Viagra!”) wahrgenommen, so sensibilisiert uns “Spamming Back” für die ästhetische Dimension des Spams: Flächen, Farben, Muster, Lyrizität - all das wird auf den Grundlagen kultureller Kontexte zu den Eckpfeilern einer neuen, intentionslosen Kunstform, die aus sich selbst entstanden ist. Es bedurfte eines postmodern konsequenten Künstlers wie Christoph Schwarz, um diese Künstlichkeit der Virtualität zu entreißen und ihr ein reales Gesicht zu verleihen.

Die schwarzsche Spam-Ästhetik: beispielhafte Analyse einer russischen Spam-Mail

imageBetrachten wir unter den bisher geäußerten Gesichtspunkten diese russische Spam-Mail und ihre intertextuellen Bezüge genauer (Text und Übersetzung weiter unten).

Sie besteht aus großflächigem Einsatz der Farben Rot und Gelb; dies erzeugt maximale Aufmerksamkeit bei pragmatisch wenig zu verschickenden Pixelgrafiken (nämlich keinen). Subtil hat der Spammer hier die Farben der spanischen Flagge benutzt, um ein zutiefst russisches Anliegen zu behandeln: die Befreiung von der Wehrpflicht. Man muss dazu wissen: Der 2-jährige Wehrdienst in Russland ist außerordentlich unerfreulich und führt u.U. schon nach 6 Monaten in Kriegsgebiete. Wer sich drücken will, versucht sich mit hohen Schmiergeldzahlunge freizukaufen oder einen (noch unüblichen und ebenfalls unerfreulichen) Ersatzdienst zu leisten.

Viele arme Seelen vertrauen sich als letzten Ausweg dubiosen Anwälten an, die ihnen versprechen, sie unkompliziert und auf gesetzlichem Wege vom Wehrdienst zu befreien. Es ist davon auszugehen, dass die Anwälte dabei viel verdienen, der Ausgang der Angelegenheit jedoch in den seltensten Fällen erfolgreich ist. Wie auch immer: Sobald man sich gesetzlich gegen die Wehrpflicht auflehnt, beginnt man einen Kampf gegen Windmühlen, gleich dem Don Quijote, dessen Vaterland - Spanien ist!

In tröstlichem Tone werden dem Gespammten viele Windmühlengegenmittel aufgezeigt, die fette, behäbige Verdana-Type im Inhaltsteil suggeriert Ruhe und Verlässlichkeit, während das aufpeitschende Gelb Feuer (fuego) und Dringlichkeit vermittelt. Nüchtern und vertrauenserweckend-seriös unten dann die Kontaktdaten und der nur schwer ins Deutsch zu übersetzende Claim (wörtlich: “Arbeit bis zum positiven Ergebnis!”), der kompetenzbefeuerte Einsatzbereitschaft transportiert.

Wie man sieht, ist diese Spam-Mail ein Highlight der Ausstellung Spamming Back!. Wer also vom 20.-24. November in Wien weilt, sollte sich das tatsächlich nicht entgehen lassen.

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Übersetzung
Anwaltskonsortium für Militärrecht

- gesetzliche Befreiung von der Wehrpflicht
- Erwirkung von Aufschub
- unabhängige medizinische Gutachten
- Beratung in militärrechtlichen Fragen
- anwaltliche Betreuung während der Verhandlungen

Unsere Adresse: Moskau, Alte Basmanaja-Straße, Haus 25
Telefon ...
http://www.gvka.ru
Wir arbeiten für Sie bis zum Erfolg!

Eingetragen: 15.11.2007, 22:40 in Edel-Spam Bemerkenswert

Permalink; 1818

Späterer Eintrag: 944 neue Mails in der KW 46

Früherer Eintrag: 1119 neue Mails in der KW 45

4 Kommentare

  1. holdy meint dazu:

    “Bemerkenswert”-das ist das richtige Wort, die richtige Kennzeichnung für das, was dieser Kunstphilosoph geschafft hat! Ich stehe mit großem Staunen und Respekt vor dieser Sache-ganz große Klasse!


  2. Felizitas meint dazu:

    Gibt es hierfür gesonders möglicherweise noch eine Homepage? Ich würde sie mir wirklich gern ansehen!


  3. Dirk meint dazu:

    ein wahrer Künstler grin


  4. WoW meint dazu:

    In der Tag ein wirklicher Meister seines Fachs smile


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