Ich bin schon lange fasziniert von gutem Spam oder gutem Phishing, und ich klicke auch häufig auf Spam. Ich glaube, es macht richtig Spaß, Spammer zu sein - wenn es nur nicht so destruktiv wäre. Darüber hinaus bin ich fasziniert von automatischen Übersetzungen und furchtbarer Rechtschreibung, wie sie in Spam-Mails gerne praktiziert wird.
Am 31. Dezember 2006 erhielt ich folgende Mail:

Absender: WAHLEN 2007, Betreff: Ihre Entscheidung zählt!!!
Ich öffnete die Mail und fand undezente Hinweise darauf, wie ich meine bizarren Neigungen mit Fetischgirls ausleben könnte.
Die Frechheit begeisterte mich. Spammer kennen weder Gesetz noch Moral. Es geht ihnen nur um eines: Die Kunden müssen den Inhalt der Mail zu Gesicht bekommen - ob sie wollen oder nicht.
Ich habe an anderer Stelle schon auf das faszinierende Phänomen des Beleuchtungsspam oder auf Vogelgrippe-Fax-Spam hingewiesen. Ich merkte aber mit der Fetisch-Wahlen-2007-Mail, dass die Welt eine Sammlung der besten Spammails braucht.
Und ich verspürte außerdem das Bedürfnis, mich mal so richtig durchspammen zu lassen. Wie viele Spam-Mails kann ich wohl mit einer neu eingerichteten E-Mail-Adresse in einem Jahr bekommen? Diese Frage stellte ich mir gestern, und seit heute bin ich dabei, sie zu beantworten.
Mehr unter Vorgehen und unter Regeln.Update: Das Konzept
Ich werde oft nach dem künstlerischen und technologen Konzept des Spamschluckers gefragt. Voila - hier ist es.
Vorweg sei bemerkt, dass natürlich die riesigen Tech-, Antispam- und Antivirenfirmen (in D z.B.: GDATA) wesentlich mehr Spam bekommen als ich; sie dokumentieren quasi den weltweiten Spamverkehr. Aber ehrlich: Was juckt das den Anwender? Uns interessiert: Was passiert mit einer E-Mail-Adresse, die in die Hände von Spammern gerät? Der Spamschlucker simuliert genau diese Situation.
Damit ist der Spamschlucker ein empirisches Projekt, das quasi unter Laborbedingungen durchgeführt wird. Ich dokumentiere die Aktivitäten genau und nehme quantitative und qualitative Auswertungen vor. Ich erhebe und dokumentiere das Spamaufkommen, vergleiche die Spamentwicklung unterschiedlicher Mailadressen, erstelle Prognosen usw. - das ist der quantitative Ansatz. Nach der Methode der Grounded Theory (nach Glaser und Strauss) werte ich einzelne Spam-Mails und -Wellen qualitativ aus. Der Interessensfokus liegt dabei auf der Auswertung gestalterischer, inhaltlich-struktureller und sprachlicher Besonderheiten. Dieses empirische Interesse entspringt meinem Dasein als involvierter Webworker - als Telemat. Ich werte das kulturelle Erlebnis des Gespammtwerdens seriös und präzise aus.
Der Spamschlucker ist aber auch ein künstlerisches Projekt, eine digitale Performance: Der Spamschlucker ist ein virtuelles Netz, dessen Knoten aus überall verteilten E-Mail-Adressen bestehen. Durch das Ziel "mehr Spam bekommen" wird Spam als etwas Positives umgedeutet; dass das funktioniert, sieht man an den vielen Kommentaren und auch Privatmails, in denen mir Menschen befriedigt schreiben, dass sie ja viel mehr Spam als ich bekämen. Dieser virtuelle (und öffentliche) Masochismus meinerseits ist Ausdruck einer künstlerischen Existenz in der Wohlstandsgesellschaft des 21. Jahrhunderts.
